Julia und Romeo

Der junge Mann hing schon seit einer halben Stunde auf dem Geländer des Lesegartens und schaute in die Einkaufspassage herunter. Weiße Haut, schwarze Klamotten, hohe  Schuhe: Fast regungslos beobachtete er die Menschen, die unter ihm herliefen.

Die Bibliotheksdirektorin wurde etwas misstrauisch und beschloss, eine Viertelstunde später wieder nachzuschauen, ob der seltsame Beobachter noch da wäre. Tatsächlich, er stand unverändert an derselben Stelle und starrte nach unten.

Da Rumstehen und Rumgucken ja nun wirklich nichts Schlimmes ist, trollte sie sich erstmal. Weitere 10 Minuten später war sie wieder im Hause unterwegs: Der schwarze Jüngling stand immer noch wie eine Statue in der Ecke des Lesegartens. Die Direktorin tippte ihm auf die Schulter.

„Sagen Sie bitte: Was machen Sie denn hier, und wen beobachten Sie  genau?“

Der junge Mann zuckte zusammen, verdrehte sich etwas und sagte freundlich:  „Meine Freundin ist seit einer Stunde da unten im Dessousladen und kommt nicht wieder raus. Ich will sie nicht verpassen. Oh, da kommt sie gerade! Julia! Julia! Hier oben bin ich! Hiieer, auf dem Balkon! Hallo, Julia, hier oben! Ich komme runter!“

Und Romeo lief freudig seiner Liebsten entgegen, die eine hübsche Tüte voller liebreizender Unterwäsche trug.

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