Vom „Schwarzen Loch“

Bibliotheken sind Orte des Wissens: Hier werden Informationen jeder Art gesammelt, aufbereitet und weitergegeben. Doch manchmal gehen bei der Arbeit hier und da gewisse Dinge verloren und werden nie wieder gesehen: neueste Zeitschriftenhefte, die Sackkarre, der Hammer der Bibliotheksdirektorin, die Fernbedienung, nagelneue Sitzkissen, Bücher, Filme, Möbelhunde, Koalaplüschbären oder ganze Teppichrollen.

Die Bibliotheksdirektorin vermutete schon lange, dass sich in ihrem Haus irgendwo ein Schwarzes Loch aufgetan hatte, das wahllos Gegenstände aufsaugt und in sich verschwinden lässt.

Vor ein paar Tagen suchte sie die silbernen Kuchenplatten: Bei einer Lesung sollte Knabberzeug hübsch dekoriert angeboten werden. Nachdem sie die Bibliothek einmal durchkämmt und alle möglichen Liegenbleib-Orte inspiziert hatte, landete sie wieder in der Küche, wo sie die Platten schon zu Beginn vergeblich gesucht hatte. Sie ließ ihren Blick schweifen, öffnete jeden Schrank und jede Schublade: Nichts! Keine Silberplatten zu sehen!

„Dann können die Dinger ja nur oben auf den Hängeschränken liegen!“, sagte sie laut zu sich selbst, schnappte sich einen Stuhl und krabbelte auf halsbrecherische Art auf die Anrichte.

Sie tastete und tastete und  dann hatte sie auf einmal das Schwarze Loch über der nach oben offenen Dunstabzugshaube entdeckt. Ihre Hand sauste hinein und bekam einen Griff zu fassen: „Oh!“, schnaufte sie, „die große Bratpfanne, schön! Und hier: der kleine Brotkorb und die Grillzange auch! Ah, der Karton mit den neuen Bestecken liegt auch hier!“

Natürlich lagen auch die Kuchenplatten im Schwarzen Loch. Verschwunden bleiben jedoch weiterhin: der Hammer, die Fernbedienung, die Sackkarre, der Möbelhund, der Koalaplüschbar und die Teppichrolle.

2 Gedanken zu „Vom „Schwarzen Loch“

  1. Wenn in unserer Bücherei mal wieder irgendwas nicht zu finden ist, oder irgendwas geschehen ist, was keiner getan hat, dann meint unsere Chefin oft mal: „Da war wieder der Coburger Mohr (Schutzpatron und Wappen von Coburg) am Werk.“ Also irgendwie doch ein menschliches Wesen, wenn auch schon ein paar Jahrhunderte tot.

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